«Die Perspektiven der Patient:innen und des Personals können besonders wertvoll sein.»
Interview mit Dr. Sandra Keller
Dr. Sandra Keller studierte Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern und erwarb ihren Doktortitel an der Universität Neuenburg. Sie forscht zur Teamarbeit in Operationssälen.

Worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsprojekt?
Die StOP? II-Studie ist eine multizentrische Interventionsstudie zur Kommunikation im Operationssaal. Wir untersuchen die Auswirkungen des StOP?-Protokolls auf die Teamarbeit und postoperative Ergebnisse wie Reoperationen und postoperative Mortalität.
Das StOP?-Protokoll besteht aus einer sehr kurzen Besprechung. Diese umfasst den aktuellen Stand der Operation (status), die Ziele für die nächsten Schritte (objectives), mögliche Probleme, mit denen das Team konfrontiert werden könnte (problems) und alle Fragen der Teammitglieder (?).
400 Chirurg:innen aus 15 Zentren in der Schweiz und einem in Österreich nehmen an der Studie teil. Während fünf Monaten wendet die Hälfte das StOP?-Protokoll an, die andere Hälfte kommuniziert wie gewohnt. Als letzte teilnehmenden Spitäler werden das EOC in Lugano und Bellinzona die Studie bis Ende 2025 abschliessen.
Was hat Sie dazu bewogen, Operationssäle zu untersuchen? Was fasziniert Sie an diesen Umgebungen?
Meine Forschung im Operationssaal begann 2010 mit meiner Masterarbeit. Als Studentin der Arbeits- und Organisationspsychologie sammelte ich Beobachtungsdaten zur Teamarbeit im OP. Mich beeindruckte die hohe Anzahl beteiligter Personen. Sie variiert nicht nur zwischen verschiedenen Operationen, sondern sogar während derselben Operation. Immer aber arbeiten verschiedene Fachleute eng zusammen.
Zudem ändert sich das Tempo während einer Operation ständig. Mal läuft alles langsam und ruhig, dann bewegen sich plötzlich alle schnell, um auf neue Anforderungen zu reagieren – etwa, wenn eine laparoskopische Operation in eine offene Operation umgewandelt werden muss.
Drittens faszinieren mich die starken persönlichen Bindungen zwischen den Teammitgliedern trotz hochmoderner Technologie. Manchmal erlaubt die Arbeit entspannte Gespräche und Witze. Manchmal kommt es aber auch zu Spannungen, die sich negativ auf Team und Leistung auswirken. Gerade solche Momente liefern uns wertvolle Einblicke.
Ich bin überzeugt, dass andere Arbeitsbereiche von der Teamarbeit im Operationssaal lernen können.
Sind Sie bei Ihrer Forschung auf Herausforderungen im Zusammenhang mit der Gestaltung von Operationssälen gestossen?
Wir stellen immer wieder fest, dass die Gestaltung eines Operationssaals die Arbeit beeinflusst. Zum Beispiel kann begrenzter Platz die Installation oder Bewegung grösserer Geräte erschweren und zu Verzögerungen, zusätzlichem Aufwand oder sogar Spannungen führen. Umgekehrt können optimal gestaltete Monitore und Geräte Teams erheblich unterstützen, sodass sie sich auf Kernaufgaben konzentrieren können.
In früheren Projekten habe ich den Einfluss von Lärm im Operationssaal untersucht. Bei hohem Lärmpegel nimmt die aufgabenbezogene Kommunikation ab. Wir wissen, dass bestimmte Materialien und Arbeitsprozesse – wie das Bewegen von Metalltabletts – erhebliche Lärmquellen sind.
Die Gestaltung der Arbeitsumgebung wirkt sich auch auf die Zufriedenheit der Mitarbeitenden aus. Tageslicht in Arbeitsbereichen oder Cafeterias kann beispielsweise die Arbeitszufriedenheit erhöhen.
Leider werden diese Aspekte bei Renovierungen oder grösseren Veränderungen in Operationssälen und der Arbeitsumgebung von OP-Teams oft nicht systematisch berücksichtigt.
Welche Methoden wenden Forscher:innen in der Regel in ihren Studien zu Operationssälen an?
Das hängt von der Forschungsfrage ab. In unserem Team kombinieren wir verschiedene Methoden. Wir beginnen meist mit qualitativen Ansätzen wie Interviews und ethnografischen Beobachtungen, um Arbeitsprozesse, Herausforderungen und lokale Dynamiken zu verstehen. Anschliessend wenden wir Verhaltenscodierungen, algorithmische Analysen von Videoaufzeichnungen sowie quantitative Methoden wie Fragebögen und klinische Daten zur Messung der Patient:innenergebnisse an.
Welche Prioritäten ergeben sich aus der Forschung zu Operationssälen?
Mit der Forschung über Materialien, Geräte oder die Architektur bin ich nicht vertraut, aber in einer Studie über Akutversorgungsteams im Allgemeinen[1] haben wir auf der Grundlage von Expert:innenmeinungen zwei Hauptprioritäten identifiziert: Erstens sollten wir unser Wissen nutzen, um Massnahmen zur Verbesserung der Prozesse im Team zu entwickeln. Zweitens müssen wir OP-Teams dabei unterstützen, neue Technologien erfolgreich einzuführen – denn die technologische Entwicklung ist rasant und stellt OP-Teams vor grosse Herausforderungen.
Worauf sollte sich Ihrer Meinung nach künftige Forschung im Operationssaal konzentrieren?
Eine zentrale Herausforderung ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse erfolgreich in die Praxis umzusetzen. Künftige Forschung sollte deshalb empirisch untersuchen, wie sich Massnahmen auf Patient:innenergebnisse, Effizienz, Mitarbeitendenzufriedenheit und Teamarbeit auswirken. Zudem braucht es mehr Forschung zu Implementierungsprozessen, die nachhaltige Verbesserungen ermöglichen.
Glauben Sie, dass die Forschung die Bedürfnisse von OP-Personal, Spitälern und Patient:innen repräsentiert?
Diese Frage berührt das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Interessen und Ressourcen von OP-Personal, Spitälern und Patient:innen. Jede Minute im Operationssaal ist teuer, weshalb Spitäler unter Druck stehen, einen möglichst effizienten Betrieb der Operationssäle sicherzustellen. Gleichzeitig legen die meisten grossen Wert auf Patient:innensicherheit und unterhalten dafür Qualitäts- und Sicherheitsprogramme.
Da die Forschung zu Teamarbeit und nicht-technischen Fähigkeiten im Operationssaal oft von multidisziplinären Teams durchgeführt wird und in der Regel die Genehmigung der Spitalleitung erfordert, können wir davon ausgehen, dass die durchgeführten Studien sowohl den Bedürfnissen der Operationsteams als auch denen der Spitäler entsprechen.
Es gibt zudem einen wachsenden Trend, Patient:innen in die Konzeption und Durchführung von Forschungsprojekten einzubeziehen. Die Perspektive der Patient:innen kann besonders wertvoll sein bei Themen wie Schmerzmanagement, postoperative Versorgung, Kommunikation zwischen Operationsteams und Patient:innen sowie deren Familien oder Operationen unter Teilnarkose.
Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Hindernisse für die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis?
In Spitälern laufen oft bereits viele Projekte und Schulungsmassnahmen. Operationsteams werden beispielsweise regelmässig im Umgang mit neuen Geräten geschult. Zeit, Personal und Energie für zusätzliche Prozesse sind deshalb begrenzt – selbst wenn es starke Hinweise für Verbesserungen für Patient:innen und/oder Operationsteams gibt.
Wenn wir neue Praktiken wie Kommunikationsbriefings einführen wollen, müssen wir den Prozess mit Bedacht angehen. Wichtig ist die Unterstützung der Spitalleitung von Anfang an, damit die nötigen Ressourcen zur Verfügung stehen. Ebenso wichtig ist es, das Personal an vorderster Front einzubeziehen. Dafür braucht es ehrliche Kommunikation: Forscher:innen müssen transparent sein und die Operationsteams aktiv in die Gestaltung einbeziehen.
Genauso wichtig ist es, den Operationsteams zuzuhören. Sie sind die wahren Expert:innen in ihrem Arbeitsumfeld. Ihre Perspektiven unterscheiden sich oft von denen der Geschäftsleitung. Ihre Erkenntnisse aus der täglichen Praxis zeigen auf, was wirklich funktioniert und was im Operationssaal einen Unterschied machen könnte.
Im SCDH haben wir einen neuen OP-Testraum im Massstab 1:1 eröffnet. Wo sehen Sie das grösste Potenzial für die Forschung?
Die Forschungsmöglichkeiten sind vielfältig – vom Testen von Arbeitsabläufen mit neuen Geräten bis zur Untersuchung komplexer Verfahren. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Simulationsforschung, die eine sichere Umgebung bietet, um Prozesse zu testen, Fehler zu machen und daraus zu lernen, ohne negative Folgen für echte Patient:innen. Solche Simulationen liefern wertvolle Erkenntnisse, beispielsweise darüber, wie Teammitglieder in verschiedenen Situationen lernen und sich anpassen.
Wenn Sie uneingeschränkten Zugang und Forschungsressourcen hätten, was würden Sie gerne im SCDH untersuchen?
Am spannendsten finde ich die Flexibilität des OP-Testraums. Man kann die Architektur, die Beleuchtung und das gesamte Erscheinungsbild des Raums verändern. Mich interessiert, wie der Raum selbst und die Organisation der Arbeit die körperliche, kognitive und emotionale Ermüdung der Operationsteams sowie sicherheitsrelevante Verhaltensweisen wie die Handhygiene beeinflussen. Selbst kleine, einfache Änderungen könnten für Teams und Patient:innensicherheit einen echten Unterschied machen. Der OP-Testraum bietet die einzigartige Möglichkeit, echte Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was am besten funktioniert, um zukünftige Operationssäle effektiver zu gestalten.
Wenn Sie sich zukünftige Operationssäle vorstellen, wie sehen diese aus?
Ich denke, technische Aspekte und verfügbare Ressourcen werden weitgehend darüber entscheiden, wie Operationssäle der Zukunft gestaltet werden. Ich hoffe, dass auch menschliche Faktoren, Ergonomie, Teamarbeit und nicht-technische Fähigkeiten berücksichtigt werden. Das ist eher der Fall, wenn der Planungsprozess gut durchdacht ist, klare Kommunikation mit allen Beteiligten beinhaltet und auf empirischen Erkenntnissen basiert.
[1] (Keller, S., Jelsma, J.G.M., Tschan, F. et al. Behavioral sciences applied to acute care teams: a research agenda for the years ahead by a European research network. BMC Health Serv Res 24, 71 (2024). doi.org/10.1186/s12913-024-10555-6)
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